Es gibt viele Leute, die zu Beginn des Tages unausstehlich sind und genug mit sich selber zu tun haben, wenige Andere genießen ihn zu Lasten ihrer Mitmenschen. In den letzten beiden Monaten hatte ich zwei Erlebnisse auf dem Flughafen, zwei Männer mussten jeweils ihr morgendliches Hoch mit mir teilen – anscheinend hab ick so ein Gesicht, welches ausstrahlt, dass ich morgens, noch halb schlafend vollgequatscht werden will. Nachdem ich mal wieder meinen Wecker 6 Mal weitergestellt hatte, stand ich verpeilt auf und versuchte das was mir in den Weg kam für die Woche in meinen Koffer zu packen. Ich machte mir keine Hektik – besser wäre es gewesen – ich kam nach einer Deodusche am Flughafen Berlin Schönefeld rechtzeitig 25 Minuten vor dem Start an, musste ein Flugticket von Germanwings mit der Nummer 126 entgegen nehmen, dass bedeutete ich bekomme keinen Fenster- oder Gangplatz…super. So saß ich im Abflugsterminal, wartete auf das Eincheckkommando der Fluggesellschaft – vergeblich – der Flug hatte Verspätung und so konnte ich genüsslich meine erste Mahlzeit zu mir nehmen. „Einen Kaffee und das Brötchen mit Kochschicken bitte“; „6,40€ bitte!“; „Ähm.. alles klar!“; naja man soll sich ja manchmal was gönnen.. oh je, für die Kohle hätte man ja sonst wat machen können… Ich nahm das goldene Frühstück entgegen und schlang es schneller runter, als man „Abzocke“ sagen konnte. Anschließend stellte ich mich schon vorbildlich in die Reihe der wartenden Passagiere. Neben mir stand ein Typ wie man ihn aus der „Super Ingo-Werbung“ kennt. Er hatte rote Flecken im Gesicht, die mich an meinen Vaddi erinnerten, wenn er getrunken hatte. Er kam ein Stück näher, hielt eine Zeitung in der Hand – mittlerweile war eine nette frühmorgendliche Alkoholfahne mir entgegen gekommen – und brabbelte in überdurchschnittlicher Zimmerlautstärke was vor sich hin. „Man ey scheiss Verspätung, immer dasselbe stimmts?“, Ich: „tja guck dir das Wetter an, da passiert dat schnell“ erwiderte ich. „Ich bin der Manni und komme aus Köln, bist du Berliner?“; „jo klar, ick bin Stefan..“ Naja wir hielten einen kurzen Standard-Kennenlernsmalltalk. „Was machst du beruflich?“ blabla.. ich hoffte mittlerweile, dass wir endlich einsteigen konnten, da ich mich auf meinen Schlaf im Flieger freute.. Nix da.. die Maschine war zwar gelandet, aber mehr auch nicht.. Er redete weiter… „Boah ich war das Wochenende bei ner „guten“ Freundin und hab gut Spass gehabt“.. „Ich hab immer so ne Flugangst, da muss ich mir immer erstmal Mut antrinken, sonst wird das nix“.. „Man riecht es leicht“ – ich wollte das Gespräch nicht abreißen lassen.. Kurzum der Typ hatte es drauf, behauptete er.. Er berichtete „ Man das Geld liegt auf der Straße; Die Amerikaner verbringen zu 80% ihres Urlaubs im Ausland; ich erstelle eine Art Urlaubsangebote für die Ami’s und ich mache ihnen Europa schmackhaft, die stehen da total drauf.. Dreiländerdreieck Deutschland, Holland und wat da halt noch so is.. boah eine Goldgrube.. naja ich war nun in Berlin, habe aber nicht so die Ahnung davon.. Willst du mir nicht da behilflich sein?“ Boah ich hatte so was von Lust.. auf meine Ruhe im Flugzeug.. der Mann hing mir am Rockzipfel, so dass er den klugen Vorschlag machte.. “Ey lass uns doch im Flieger nebeneinander sitzen, dann erzähl ich dir alles“… Eine Stunde später und zwei weitere Bier später, sein Gesicht bestand nur noch aus einem roten Fleck, war ich um Einiges Weniges schlauer.. Ich gab ihm meine Mailadresse – er wollte mir Unterlagen schicken.. blaaaaaa naja nix passiert, aber immerhin schön aktiv ne Bierfahne eingeatmet – wobei ganz ehrlich so n Bier im Flugzeug für 5€ hätte ich mir schon gern reingezogen.. Einige Wochen später, gleiche Zeit und gleicher Ort. Diesmal leistete ich mir ein paar Vitamine in Form eines frisch gepressten Orangesaftes – 3,40€ boah leck ey. Voller Hoffnung, dass mein Körper mit diesem Vitaminüberschuss klar kommt, bewegte ich mich in Richtung Zeitungsstand. Dort angekommen und auf der Suche nach der „Fußballwoche“ (Berliner Fußballzeitung) hörte ich eine Art Gejaule – ich suchte nach einem Hund oder Ähnliches, entdecke jedoch nur einen älteren Herren. Pavarotti war jüngst gestorben – sollte es eine Art Abschiedsmedley werden? Der ältere Herr, äußerlich wirkte er wie ein Professor, schlich um die Zeitungsständer und gab sehr interessante Töne von sich – langsam gefiel es mir.. nicht wirklich. Er kam näher und jodelte weiter vor sich hin, schaute auf ein Tagesblatt, brubbelte vor sich hin und guckte in meine Richtung: „EU droht Autoindustrie mit Sanktionen, so ein Quatsch“ oder so ähnlich. Erst der Versuch zu Singen und dann noch nen Keks an die Backe quatschen, dacht ich mir. „Als wenn die EU das machen würde, alles leere Worte; die haben doch eh keine Macht; man ich bin bald Rentner und muss nun von meiner Rentenversicherung die 200000€ bringt auch noch 30% an den kack Staat abgeben; ich glaub ich wandere aus nach Lichtenstein“ – ich will meine Ruhe und Fußballergebnisse lesen… warum kriegt man diese wenigen Wörter nicht einfach über die Lippen?? Es ging weiter „Der Hochadel hat bei uns alles in der Hand, die Politiker, die Wirtschaft usw.; das war schon damals als so, als es die Reichsbahn noch gab“. Ich beschloss ihm Recht zu geben und ihn abzuwimmeln. Nicht das mich das nicht interessieren würde.. aber nicht morgens um 07:45Uhr und vor allem nicht nach der „Gesangseinlage“. Ich ging in Richtung Gate, drängelte trotz hoher Boardkartennummer (bei Germanwings gibt’s keine Sitzplatzreservierung und um so höher die Nummer auf deinem Ticket, um so später darfst du in Richtung Flugzeug spazieren) etwas vor und ergatterte mir einen Fensterplatz und schlief sofort ein. Ungünstigerweise wurde ich 10 Minuten vor der Landung wach, denn der Orangensaft durchspülte meine Blase und ich verspürte einen erheblichen Druck – naja irgendwas ist ja immer…
Verfasst von: neuge | September 11, 2007
Montagmorgen – zwei Nervensägen
Veröffentlicht in Neuge erzählt wat.. | Schlagworte: Flughafen, Gate, Montagmorgen, Nervensäge